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Verlust der sicheren Basis

Verlust der Sicheren Basis

Bei dem was ich hier immer wieder als Entwicklungstrauma bezeichne, kann sich etwas - nämlich das Selbst und so etwas, was viele Fachleute heute als Selbstregulationsfähigkeit beschreiben - nicht wirklich optimal, in ganz schlimmen, heftigen und länger anhaltenden Situationen, so gut wie gar nicht entwickeln.

 

Wie der britische Pionier der Bindungsforschung, John Bowlby, William James zitierend meint:

 

„Unter bindungstheoretischer Perspektive muss der Verlust der sicheren Basis als das wohl früheste und wahrscheinlich auch schädlichste psychische Trauma angesehen werden.“

 

Das wohl früheste und wahrscheinlich auch schädlichste Trauma, also ein Entwicklungstrauma, raubt uns, da Bindung fehlt oder zumindest sehr unsicher ist, die Basis auf dem sich unser Selbst entwickeln kann.

Laut U. Sachse / C. Lüdecke ist menschliche Entwicklung eine Interaktion von Bindungserfahrungen und inhaltlichen Lernerfahrungen. Ein frühkindliches Nervensystem kann sich am Anfang des Lebens noch nicht selbst regulieren. Das Baby braucht eine feinfühlige Bindungsperson, die wahrnimmt, welches Bedürfnis im Moment nicht erfüllt ist und vor allem, die damit einhergehenden Affekte wie Schreien, Weinen und die Erregung des Nervensystems zu regulieren (Co-Regulation) . So lernt der Mensch nach und nach sich selbst zu beruhigen, Impulse zu stoppen...

 

Menschen, die über keine sichere Basis verfügen, haben unter Umständen ihr Leben lang damit zu ringen. Eine Basis verleiht uns Sicherheit und macht uns resilienter vor allem auch vor Verletzungen seelischer Art.

Für den Therapeuten macht es einen Unterschied, ob es sich um einen traumatisierten Menschen handelt, der aufgrund der fehlenden Basis traumatisiert ist, oder ob sich die Person durch einen psychischen Schock traumatisiert wurde. Ein Mensch mit einem oftmals latenten, noch nicht diagnostizierten Entwicklungstraumata wird durch ein Schockerlebnis leichter traumatisiert sein.

 

Bei der letzteren Möglichkeit oder anderen komplexen "Verletzungen" geht es in der Behandlung nicht zuallererst um das Trauma, sondern um die Entwicklung von Beziehung (-sfähigkeit) und Aufbau einer Bindung. Zuerst sollte also durch Schaffung einer Basis, Sicherheit und Orientierung vermittelt werden.

 

Für viele Menschen, gerade in unseren heutigen Zeiten, ist die folgende Vorstellung gar nicht so leicht einzusehn, doch die Forschung und auch meine Erfahrung zeigt es immer deutlicher:

 

Wir brauchen uns - mehr als traumatisierter, jedoch auch immer wieder, als gesunder Erwachsener.